Hans Carl von Carlowitz: Der Erfinder der Nachhaltigkeit

Veröffentlicht am 19.12.2021 in Allgemein

Carlowitz-Gedenktafel in Freiberg

Birgit Hofmann

Gerade wurde für den Freiberger Schlossplatz ein Lomonossow-Denkmal genehmigt. Für den Ruf der Stadt hat eine andere historische Persönlichkeit aber viel mehr getan: Hans von Carlowitz prägte den Begriff “Nachhaltigkeit”. Der Erinnerung an den Naturwissenschaftler aus Freiberg sollte in unserer Stadt viel mehr Raum gegeben werden. Dieser Meinung ist jedenfalls die SPD-Fraktion im Stadtrat, und sie hat auch eine Idee, wie das gelingen könnte. 

“Nachhaltigkeit” klingt für viele von uns immer noch wie ein Modebegriff. Aber den Schutz der Natur und der Umwelt hatten die Menschen schon im Mittelalter im Blick. Wir haben ihn nur vergessen, als mit der Industrialisierung plötzlich Profitmaximierung im Mittelpunkt allen wirtschaftlichen Handelns stand. Schon 1330 findet man im deutschen Gewohnheitsrecht eine Regelung, die besagte, dass man die Wälder nur maßvoll abholzen solle. 

 

Der Nachhaltigkeitsbegriff, wie wir ihn heute nutzen, stammt aus der Forstwirtschaft. Erstmalig verwendet und erklärt wurde er vom Freiberger Hans Carl von Carlowitz im dem 1713 in seinem Standardwerk zur Waldbewirtschaftung mit dem Titel “Ökonomie des Waldbaus: Zur Kultivierung wilder Bäume”. 

Hans Carl von Carlowitz wurde gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges als Sohn eines Försters in Chemnitz geboren. Er studierte in Jena Jura und öffentliche Verwaltung, lernte Fremdsprachen und verbrachte als junger Mann fünf Jahre auf einer Europareise, die von Schweden bis Malta reichte und längere Studienaufenthalte in Leyden, London und Paris einschloss. Carlowitz stand im Dienst des kurfürstlich-sächsischen Hofes, lebte in Freiberg und war mit der Leitung des sächsischen Bergbaus beauftragt. Zu seiner Tätigkeit gehörte die Sicherstellung des Holznachschubs für die Schmelzöfen. Die benötigten Holzmengen waren immer schwerer zu beschaffen, und zwar nicht nur im in Sachsen florierenden Bergbau, sondern auch in allen anderen expandierenden Industriezweigen. Holzmangel war zum größten Wachstumshemmnis geworden. Große Waldflächen waren bereits verwüstet, und es wurden keine Anstrengungen unternommen, die Wälder zu regenerieren. Die nachfolgende extensive Landwirtschaft behinderte die Erholung der Wälder zusätzlich. 

 

Von Carlowitz sorgte sich über das kurzfristige Denken, das nur schnelle Gewinne im Blick hatte und zu einer rücksichtslosen Ausbeutung der Wälder führte. Neben Ideen zu einer nachhaltigeren Bewirtschaftung der Wälder selbst schlug er Maßnahmen vor, die den Holzverbrauch senken sollten: die bessere Isolierung der Häuser, die Verwendung effizienterer Schmelzöfen und vieles mehr - Maßnahmen und Forderungen, die uns heute irgendwie bekannt vorkommen. Und auch das klingt vor mehr als 300 Jahren schon wie von den Klimaktivist*innen von heute verfasst: Seine Mahnung, dass es in Zukunft keine Holzvorräte mehr geben würde, wenn man in der Forstwirtschaft nicht umdenken würde. Carlowitz schreibt: „Verwundern muß man sich wohl, daß die meisten vermögensten Leute auf grosse Häuser, Palläste, Schlösser und dergleichen Baue, ihr meist Vermögen anwenden; wäre aber vielleicht vorträglicher wenn sie ihren Grund und Boden anzubauen, und zu verbessern suchten, als welches doch ihnen so wohl, als denen Nachkommen und dem gemeinen Besten weit nutzbarer fallen dürffte.“ (Quelle des Zitats: Nachhaltigkeit.info)

Die Tradition von Carlowitz’ setzte übrigens unter vielen anderen Europäern in Sachsen beispielsweise Heinrich von Cotta fort, der ein knappes Jahrhundert später in Tharandt eine Forstwirtschaftsschule gründete. Über die Wirkungen, die Carlowitz’ Buch weit über die Grenzen Sachsens hinaus hatte, mag man sich beispielsweise hier informieren, der Text ist allerdings in Englisch.

 

Ulrich Grober schreibt in “Von Freiberg nach Rio –Carlowitz und die Bildung des Begriffs ›Nachhaltigkeit‹” (Veröffentlichung der deutschen Hans-Carlowitz-Gesellschaft, sehr lesenswert!): “Heute wie damals geht es darum, die Selbstsorge der gegenwärtigen Generation unlösbar mit der Vorsorge für die kommenden Generationen zu verbinden. Generationengerechtigkeit ist über die drei Jahrhunderte hinweg der ethische Kern dieses Begriffs.” 

 

Eben weil Carlowitz weit über die Grenzen Sachsens hinaus bekannt wurde als weltoffener, nachdenklicher Gelehrter, der nicht nur den Fortschritt der Gegenwart, sondern auch die lebenswerte Welt der nachfolgenden Generationen im Blick hatte, arbeitet die SPD-Fraktion im Freiberger Stadtrat gerade an Vorschlägen, wie sein Verdienst noch stärker gewürdigt werden kann. Ein offener Denk- und Lern-Ort für Kinder und Erwachsene soll es werden, an- und eingebunden möglicherweise in das neu entstehende Welterbezentrum in der Petersstraße. Dazu interessieren uns eure Meinungen, Ideen und Vorschläge. Schreibt an kontakt@spd-freiberg.de! Wenn das Interesse groß genug ist, werden werden wir den Plan gemeinsam mit euch weiter diskutieren und im Stadtrat verfolgen. 

 

Quellen (alle abgerufen am 12.12.21):

 

Mitgliederzeitschrift Die Bergstadt